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An oder mit Corona gestorben? Was Totenscheine, RKI-Meldungen und Obduktionen zeigen

Die amtliche Statistik zählt für 2020 bis 2025 mehr Menschen, die an COVID-19 starben (203.387), als das RKI an und mit Corona meldete (188.795). 2020 war COVID-19 in 83 Prozent der Fälle die Todesursache.

Die Zahlen dazu

Alle 3 Statistiken im Artikel

Sind die Menschen in der Pandemie an Corona gestorben oder nur mit Corona? Kaum eine Frage wurde in den Jahren 2020 bis 2022 so heftig gestritten. Die Vermutung lautete: Gezählt werde jeder, der beim Tod positiv getestet war, auch wenn er an einer ganz anderen Krankheit starb. Fünf Jahre später lässt sich die Frage mit amtlichen Daten genauer beantworten, als es damals möglich war. Drei unabhängige Quellen stehen zur Verfügung: die Meldungen der Gesundheitsämter an das Robert Koch-Institut, die Todesursachenstatistik auf Grundlage der Totenscheine und Obduktionsstudien.

Das Ergebnis ist eindeutiger, als viele erwarten würden. Die amtliche Statistik, die nur Fälle zählt, in denen COVID-19 die ausschlaggebende Todesursache war, kommt für 2020 bis 2025 auf mehr Tote als die RKI-Zählung, die „an und mit“ umfasst. Für 2020 lässt sich zudem genau beziffern, wie oft COVID-19 nur eine Begleiterkrankung war: in 17 Prozent der Fälle. Diese Analyse zeigt die Zahlen, erklärt die Unterschiede zwischen den Zählweisen und benennt, was die Daten nicht beantworten können.

Was „an“ und „mit“ statistisch bedeuten

Die Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamts beruht auf den Todesbescheinigungen, die Ärztinnen und Ärzte bei der Leichenschau ausstellen. Für jeden Verstorbenen wird ein Grundleiden ermittelt: die Krankheit, die die Kette der zum Tod führenden Ereignisse ausgelöst hat. Steht COVID-19 als Grundleiden fest, ist der Mensch statistisch an COVID-19 gestorben. Wird COVID-19 auf der Bescheinigung nur als weitere Erkrankung genannt, die zum Tod beigetragen hat, gilt es als Begleiterkrankung – das entspricht dem „mit“.

Das Robert Koch-Institut zählte anders. Die Gesundheitsämter übermitteln nach dem Infektionsschutzgesetz Angaben zu gemeldeten Infektionen, darunter auch, ob die infizierte Person verstorben ist. Das RKI weist in der Beschreibung seines Datensatzes selbst darauf hin, dass oft nicht eindeutig ist, ob die gemeldete Infektion oder eine Vorerkrankung zum Tod geführt hat, und dass die Gesundheitsämter solche Fälle unterschiedlich behandeln. Die RKI-Zahl ist deshalb im Grundsatz eine Zählung „an und mit“.

2020: In 83 Prozent der Fälle war COVID-19 die Todesursache

Für das erste Pandemiejahr hat das Statistische Bundesamt beide Gruppen veröffentlicht. Bei 47.860 Verstorbenen stand COVID-19 auf der Todesbescheinigung. In 39.758 Fällen war es das Grundleiden, in 8.102 Fällen eine Begleiterkrankung. Damit starben 83 Prozent an und 17 Prozent mit COVID-19. Unter den 39.758 Fällen mit COVID-19 als Grundleiden waren 38.510 durch einen Labortest bestätigt, in 1.248 Fällen bestand nur ein Verdacht ohne Nachweis.

Für die Jahre ab 2021 hat das Amt nur noch die Fälle mit COVID-19 als Grundleiden in seinen Pressemitteilungen beziffert. Die Begleiterkrankungen waren für 2021 als Sonderauswertung angekündigt; eine Veröffentlichung dazu hat Statsray nicht gefunden. Diese Lücke betrifft genau die Frage nach dem „mit“ – für 2021 bis 2025 lässt sich der Anteil deshalb nicht so präzise angeben wie für 2020.

RKI gegen Totenschein: die Zahlen im Vergleich

Jahr RKI-Meldungen Totenschein: Grundleiden mit Virusnachweis Grundleiden gesamt
2020 33.071 38.510 39.758
2021 78.854 70.759 71.331
2022 49.540 52.029 52.357
2023 18.644 25.679 25.768
2024 6.163 11.876 –
2025 2.523 4.534 –
2020–2025 188.795 203.387 –

RKI: an das Robert Koch-Institut übermittelte Todesfälle nach Berichtsdatum (Datensatz „COVID-19-Todesfälle in Deutschland“, Stand 26.10.2026). Totenschein: Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamts, COVID-19 als Grundleiden, mit Virusnachweis (ICD-10 U07.1; GENESIS 23211-0001); Grundleiden gesamt einschließlich Verdachtsfällen ohne Nachweis (U07.2) laut Pressemitteilungen 2020–2023.

Wäre die verbreitete Vermutung richtig, dass ein großer Teil der gezählten Corona-Toten in Wahrheit an etwas anderem starb, müsste die Zählung „an“ deutlich unter der Zählung „an und mit“ liegen. Die Daten zeigen etwas anderes. Über die Jahre 2020 bis 2025 meldeten die Gesundheitsämter dem RKI 188.795 Todesfälle. Die Todesursachenstatistik zählt im selben Zeitraum 203.387 Menschen, bei denen COVID-19 mit Virusnachweis die ausschlaggebende Todesursache war – 14.592 mehr als das RKI.

Einzelne Jahre lassen sich nur eingeschränkt vergleichen. Das RKI ordnet Todesfälle dem Tag zu, an dem sie berichtet wurden, die Todesursachenstatistik dem Sterbedatum. Viele Todesfälle aus dem Dezember 2020 wurden erst im Januar 2021 gemeldet; deshalb liegt das RKI 2020 unter und 2021 über der amtlichen Zahl. Fasst man beide Jahre zusammen, verschwindet der Unterschied fast vollständig: 111.925 Todesfälle beim RKI, 111.089 mit COVID-19 als Grundleiden laut Totenschein. Für 2021 nannte das Statistische Bundesamt selbst die Gegenüberstellung: 71.331 Fälle in der Todesursachenstatistik, 73.215 beim RKI nach damaligem Stand – den Unterschied führte es auf die verschiedenen Meldewege zurück (Pressemitteilung 544/2022).

Seit 2023 zählen die Totenscheine deutlich mehr

Ab 2023 laufen die Zahlen auseinander, und zwar in eine unerwartete Richtung. 2024 verzeichnete die Todesursachenstatistik 11.876 Menschen, die an COVID-19 starben, das RKI nur 6.163 gemeldete Todesfälle – die amtliche Zahl war 1,9-mal so hoch. 2025 lag das Verhältnis bei 4.534 zu 2.523. Die Meldezahlen des RKI erfassen nur Fälle, die über eine gemeldete Infektion bei einem Gesundheitsamt bekannt wurden. Woran der wachsende Abstand im Einzelnen liegt, geht aus den Daten nicht hervor. Das RKI weist zudem darauf hin, dass sein Archiv der Todesfälle nach Berichtsdatum nicht vollständig ist.

Für die Frage „an oder mit“ ist dieser Befund trotzdem aufschlussreich: Wer nur die RKI-Zahlen kennt, unterschätzt für die späten Jahre die Zahl der Menschen, bei denen die behandelnden Ärzte COVID-19 als Todesursache festgestellt haben.

Was Obduktionen zeigten

Die Todesbescheinigung beruht auf der ärztlichen Einschätzung bei der Leichenschau, nicht auf einer Obduktion. Kritiker wandten deshalb ein, dass Ärzte bei positiv Getesteten vorschnell COVID-19 eintragen. Einen Anhaltspunkt liefern Obduktionsstudien. In Hamburg wurden im Frühjahr 2020 alle Verstorbenen mit nachgewiesener Infektion obduziert. Die Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf wertete die ersten 80 Fälle aus (Edler et al., International Journal of Legal Medicine 2020): In 76 Fällen, also 95 Prozent, war COVID-19 die Todesursache, in 4 Fällen starben die Menschen an anderen Ursachen.

Die Studie zeigt zugleich, warum die Debatte so hartnäckig war: Das mittlere Alter der Verstorbenen lag bei 82 Jahren, und bis auf zwei Frauen hatten alle relevante Vorerkrankungen, am häufigsten des Herz-Kreislauf-Systems und der Lunge. „An COVID-19 gestorben“ heißt also nicht „ohne Vorerkrankung gestorben“. Es heißt, dass die Infektion den Tod ausgelöst hat, den die Vorerkrankungen wahrscheinlicher gemacht hatten. Die Hamburger Fälle stammen aus den ersten Wochen der Pandemie und aus einer einzigen Stadt; auf ganz Deutschland und spätere Virusvarianten lassen sie sich nicht ohne Weiteres übertragen.

Der Abgleich mit der Übersterblichkeit

Eine dritte Größe kommt ganz ohne Diagnosen aus: die Zahl aller Sterbefälle im Vergleich zu dem, was ohne Pandemie zu erwarten gewesen wäre. Altersbereinigt lag die Übersterblichkeit 2020 bei 0,3 Prozent, 2021 bei 2,1 und 2022 bei 5,0 Prozent (Statsray-Berechnung mit den Sterberaten je Altersjahr von 2016 bis 2019). Dass 2020 trotz fast 40.000 Toten mit COVID-19 als Grundleiden kaum Übersterblichkeit messbar ist, wird oft als Beleg gegen die amtlichen Zahlen angeführt. Es hat aber eine nachvollziehbare Erklärung: Gleichzeitig gingen andere Todesursachen zurück, vor allem die Grippe. Die Zusammenhänge zeigt ausführlich die Analyse Corona in Zahlen: Tote, Übersterblichkeit und Impfschäden.

Die Übersterblichkeit kann die Frage „an oder mit“ nicht entscheiden, weil sie nicht nach Ursachen trennt. Sie zeigt aber, dass in den Jahren 2021 und 2022 tatsächlich mehr Menschen starben als erwartet – ein Befund, der zur Zahl der COVID-Toten passt, ohne sie zu beweisen.

Wo die Kritik berechtigt ist

  • Leichenschau ohne Obduktion: Die Todesursache auf dem Totenschein ist eine ärztliche Einschätzung bei der Leichenschau; eine Obduktion wie in Hamburg 2020 ist nicht die Regel. Das gilt allerdings für alle Todesursachen, nicht nur für COVID-19.
  • Uneinheitliche Meldepraxis: Das RKI räumt selbst ein, dass Gesundheitsämter die Frage, ob die Infektion oder eine Vorerkrankung zum Tod führte, unterschiedlich behandelt haben. Tagesaktuelle Zahlen während der Pandemie waren deshalb grobe Größen.
  • Fehlende Daten: Die Zahl der Fälle mit COVID-19 als Begleiterkrankung ist nur für 2020 veröffentlicht. Für die späteren Jahre bleibt der Anteil der „mit“-Fälle offen.
  • Verdachtsfälle: Ein kleiner Teil der amtlichen COVID-Toten beruht auf einem Verdacht ohne Labornachweis: 1.248 Fälle im Jahr 2020, 572 im Jahr 2021. Die Tabellen oben weisen sie getrennt aus.

Diese Einwände betreffen die Genauigkeit, nicht die Größenordnung. Keine der verfügbaren Quellen stützt die Annahme, dass die Mehrheit der gezählten Corona-Toten in Wahrheit an etwas anderem gestorben ist.

Häufige Fragen

Wie viele Menschen sind an und wie viele mit Corona gestorben?

Für 2020 weist das Statistische Bundesamt beides aus: 39.758 Menschen starben an COVID-19 (Grundleiden), bei 8.102 war COVID-19 eine Begleiterkrankung. Das entspricht 83 Prozent „an“ und 17 Prozent „mit“. Für spätere Jahre sind nur die Fälle „an“ veröffentlicht.

Hat das RKI auch Menschen gezählt, die nur mit Corona gestorben sind?

Ja, grundsätzlich. Das RKI zählte die von den Gesundheitsämtern gemeldeten Todesfälle infizierter Personen und weist darauf hin, dass oft unklar ist, ob die Infektion oder eine Vorerkrankung zum Tod geführt hat. Die amtliche Zählung „an“ liegt über 2020 bis 2025 trotzdem höher als die RKI-Zählung: 203.387 gegenüber 188.795.

Wie viele Corona-Tote gab es in Deutschland insgesamt?

Laut Todesursachenstatistik war COVID-19 von 2020 bis 2025 bei 203.387 Verstorbenen mit Virusnachweis das Grundleiden. Das RKI zählte im selben Zeitraum 188.795 gemeldete Todesfälle.

Was ergaben Obduktionen von Corona-Toten?

In der Hamburger Studie zu den ersten 80 obduzierten Fällen war COVID-19 in 76 Fällen (95 Prozent) die Todesursache. Fast alle Verstorbenen hatten Vorerkrankungen, das mittlere Alter lag bei 82 Jahren.

Daten und Methode

RKI: COVID-19-Todesfälle in Deutschland (Lizenz CC BY 4.0), Todesfälle nach Berichtsdatum auf Bundesebene, Jahreswerte als Differenz des kumulierten Stands zum 31. Dezember, Datenstand 26.10.2026. Todesursachenstatistik: Statistisches Bundesamt, GENESIS 23211-0001 (COVID-19 mit Virusnachweis, ICD-10 U07.1) sowie Pressemitteilungen zu 2020, 2021, 2022 und 2023 (Grundleiden einschließlich Verdachtsfällen, Begleiterkrankungen 2020). Obduktionen: Edler et al. 2020. Übersterblichkeit: Statsray-Berechnung aus GENESIS 12613-0003 und 12411-0006. Weitere Daten: COVID-19-Todesfälle · Sterbefälle · Übersterblichkeit.

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